Interview: Scott Running Produkt Manager Peter Cable

Wir beschäftigen uns alle damit, die einen mehr, die anderen weniger. Aber sie sind es, die uns einen Lauf vermiesen können, uns mit Grip begeistern können, uns verzweifeln lassen können oder uns einfach nur gefallen können: die Schuhe. Bei den Schuhen scheiden sich die Geister. Aber all die Jahre habe ich schon dutzende Modelle getestet, keines war je gleich. Verschiedene Firmen haben auch verschiedene Ansätze, was ihre Schuhe betrifft. Doch wie entsteht ein Schuh, was sind die Gedanken dahinter, wie lange dauert die Entwicklung und so weiter. All das wollte ich aus berufenen Munde hören und ich hatte bei der Tour de Tirol das Glück, mit Scott Running Produkt Manager Peter Cable plaudern zu können. Er ist unter anderem für den Scott Supertrac RC verantwortlich, wohl einer der spannendsten Schuhe derzeit am Markt.

Auffimuasi: Was ist der Unterschied zwischen einem Trailrunningschuh und einem Straßenlaufschuh?

Peter Cable: Wir versuchen natürlich für beide Bereiche effiziente Produkte herzustellen. Egal ob es für einen Racer ist, der so schnell wie möglich ins Ziel kommen will oder jemanden, der einfach nur ins Ziel kommen möchte. Der wirklich große Unterschied zwischen den beiden Bereichen ist natürlich der Untergrund, auf dem gelaufen wird. Einer der wichtigsten Punkte ist deshalb die Traktion. Wenn du durch Schlamm läufst und du hast einen Straßenschuh zum Beispiel, wirst du rutschen und viel Energie verlieren. Für uns ist deshalb die relevante Traktion sehr wichtig, dass du dich durch jedes Terrain bewegen und effizient laufen kannst.

Auffimuasi: Also ist der erste Teil der Produktentwicklung jene der Außensohle?

Peter Cable: Ja, wir versuchen zuerst den Untergrund zu verstehen, auf dem der Schuh dann zum Einsatz kommen soll und auch wie sich der Läufer durch dieses Terrain bewegt. Das reicht eben von jemanden, der einen Ultramarathon läuft bis hin zu zum Freizeitläufer. Du kannst dir vorstellen, dass es einen großen Unterschied macht, ob die eine Strecke bei einem 10k-Rennen machst oder als Teil eines 100-Meilen-Rennens. Du bewegst dich da ganz anders. Wir schauen uns also die dynamische Bewegung des Läufers an. So sehen wir uns bei einem Schuh für kürzere Strecken vor allem die Front des Schuhs an und auch die Kräfte, die der Läufer aufbringt. Wenn man den Schuh durch winklige Trails bewegt, gibt es viele laterale Kräfte, die auf den Schuh einwirken. Hingegen ein Ultraläufer bewegt sich nur mit einem Drittel der Geschwindigkeit, hier gibt es kaum laterale Energie. Dafür braucht er viel mehr Schutz und Dämpfung.

Auffimuasi: Trailrunning hat sich in den vergangenen Jahren enorm entwickelt. Was hat sich dadurch bei den Schuhen verändert?

Peter Cable: Hier müssen wir uns die generelle Entwicklung im Laufsport ansehen. Wenn wir in die 60er Jahren zurückschauen, da hat alles mit einer Zwischensohle aus einem Stück begonnen um für Dämpfung zu sorgen. Über die Jahre wurde die Dämpfung mehr, der Comfort, dann kam die Motion-Control, dann die maximale Dämpfung und auch der Trend zu Minimalschuhen. Aber wir kommen immer wieder zu dem Mittelweg zurück. Der menschliche Körper und der Fuß ist das effizienteste Tool um sich durch unterschiedlichstes Terrain zu bewegen. Dem Fuß zu erlauben, das zu tun, wofür er gemacht wurde, ist der beste Weg. Aber natürlich müssen wir den Fuß schützen. Wir sind es nicht mehr gewohnt barfuß durch die Welt zu laufen. Wir brauchen also etwas Schutz und ein wenig Dämpfung. Trotzdem ist es unsere Philosophie, die natürliche Bewegung des Fußes nicht zu unterbrechen. Auch eine moderate Pronationsstütze ist durchaus sinnvoll um eine falsche Bewegung leicht zu korrigieren.

Auffimuasi: Ein großes Thema ist auch immer der Heeldrop. Gibt es hier eine „richtige“ Größenordnung?

Peter Cable: Ich glaube es kommt drauf an, was du gewohnt bist. Was aber auch klar ist, ist dass der menschliche Körper sehr anpassungsfähig ist. Deshalb sehen wir auch, dass weniger Motion-Control der richtige Weg ist. Viele Studien zeigen, dass es egal ist, welche Elemente man im Schuh einbaut, der Fuß passt sich immer an. Wenn man zum Beispiel einen Maximal-Dämpfungs-Schuh verwendet, zeigen Studien, dass der Läufer dann den Boden härter trifft, da er das selbe Feedback vom Untergrund spüren will. Es braucht also eine Balance zwischen der notwendigen Dämpfung und dem Gefühl für den Untergrund. Es ist für mich also weniger eine Frage des Heeldrops, sondern mehr der Position, welche der Läufer beim Laufen einnimmt. Schnelle Läufer laufen mehr auf dem Vorfuß, schieben die Hüften etwas nach vor und haben eine dynamischere Position. Langsamere Läufer setzen eher mit dem Mittelfuß oder der Ferse auf und der Kniewinkel ist ein anderer. Es gibt also keine goldene Regel dafür, deshalb arbeiten wir auch vor allem mit dem Fachhandel zusammen. Weil die Beratung, welcher Schuh der richtige für mich ist, entscheidend ist. Laufen kann sehr viel für die Gesundheit tun, aber mit dem falschen Schuh kann es sehr schnell auch in die andere Richtung gehen. Man sollte sich also immer die Zeit nehmen und mit einem Experten reden. Egal welchen Schuh man dann nimmt, auch wenn es kein Scott ist, es soll das richtige Produkt für dich sein.

Auffimuasi: Es fällt auf, dass bei den neuen Schuhen wieder mehr Technik am Schaft verbaut wird. Wie zum Beispiel bei Scott mit dem Power oder auch beim Salomon Ultra2. Wieso ist das so?

Peter Cable: Das Thema Pronation gibt es natürlich auch im Trailrunning. Es gibt einfach Läufer, die hier Unterstützung vom Schuh brauchen. Eine Lösung ist es, den Fuß durch spezielles Training zu stärken. In der Industrie verkaufen wir aber natürlich schnellere Lösungen. Also wurden in den vergangenen 30 Jahren Stützen unter den Fuß gebaut. Vor allem für die ambitionierteren Konsumenten wollen diese Stützen von unten nicht, da sie sich unnatürlich anfühlen. Aber wenn jemand 15 Stunden läuft, braucht er Support vom Schuh. Diese Käfige sind also keine korrigierenden Maßnahmen, sondern ein Support-Mechanismus. Also wie wir es wollen, der Fuß kann sich natürlich bewegen aber bekommt dennoch eine spezifische Unterstützung.

Auffimuasi: Wie lange dauert es einen Schuh zu entwickeln?

Peter Cable: In etwa 2 bis 3 Jahre von der Idee bis er auf den Markt kommt. Das klingt lange, aber es dauert alleine schon 6 Monate von der Präsentation an die Händler bis zur Auslieferung. Wir sehen hier aber eine Veränderung, wie die Speed Produktion etwa von Adidas. Die Entwicklungsarbeit ist aber in etwa 2 bis 2,5 Jahre. Das Design dauert natürlich etwas, aber ein sehr großer Punkt ist das Testen. Niemand kann einen Schuh zeichnen und der funktioniert auch gleich.

Auffimuasi: Sind Schuhe wie etwa der „Salomon ME:sh“ die Zukunft?

Peter Cable: Ich glaube, die gestrickten Obermaterialien sind eine sehr interessante Entwicklung. Vor allem kommerziell ist das für die Firmen sehr interessant. Es braucht hier aber sicher noch einiges an Entwicklung bis diese Art der Schuhe auch auf dem Trail funktionieren. Das zeigt alleine der Umstand, dass Nike als Weltmarktführer auf dem Bereich noch keinen Trailschuh so produziert. Aber Customization ist natürlich ein riesiger Trend in jedem Bereich, nicht nur bei Laufschuhen. Es gibt sehr viele Produkte am Markt und hier kann man sich natürlich abheben.

Auffimuasi: Der Supertrac RC war ein großer Wurf, ist das ein großer Druck für die Entwicklung neuer Schuhe oder gibt das einen Push.

Peter Cable: Solange wir den Kunden und den Kundennutzen des Schuhs im Focus haben, sind wir am richtigen Weg. Wie schon zu Beginn gesagt. Also mit dem Supertrac haben wir jetzt einen wirklich sehr guten Skyrunningschuh, aber es ist kein guter Straßenlaufschuh. Also wir haben noch etwas zu tun.

Auffimuasi: Danke für das Gespräch.

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