Selbstversuch HumanGO – Wenn die KI dein Coach wird

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Schneller laufen, länger durchhalten, endlich dieses eine Rennen finishen – oder dem eigenen Training einfach mal ein bisschen System verpassen: Wer mehr will als nur „irgendwie laufen“, braucht einen Plan. Der Klassiker vom Papier ist billig, der Coach aus Fleisch und Blut dagegen individuell, nah dran, aber auch spürbar teurer. Und dann steht da noch jemand Neuer an der Startlinie: die KI. Trainingssteuerung per Algorithmus mit Ansagen vom Smartphone. Daten rein, Leistungsdiagnose raus, dazu ein digitaler Coach mit 24/7-Bereitschaft. Klingt nach Zukunft. Klingt nach Effizienz.

Künstliche Intelligenz (KI/AI) analysiert längst nicht mehr nur Trainingsdaten, sie übernimmt gleich das Kommando. Puls, Pace, Höhenmeter, Belastung – alles wird eingesammelt, ausgewertet und bewertet. Der Trainer aus Fleisch und Blut bekommt damit digitale Konkurrenz. Die Versprechen: individuell, flexibel, günstiger als jeder Mensch. Aber taugt das auch für die schweißtreibende Realität? Ich hab’s getestet.

Drei Monate mit Hugo

Für meinen Selbstversuch lasse ich mich von einer KI coachen – bei HumanGO, einem Anbieter aus Boulder, Colorado. Mein Ziel: die Vorbereitung auf ein privates Ultra-Projekt. Viele Höhenmeter, lange Einheiten, klug gesetzte Regeneration. Kein Standard-Trainingsplan von der Stange.

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Die Anmeldung ist schnell erledigt, danach meldet sich mein neuer Coach: „Hi, ich bin Hugo.“ Freundlich, sachlich, bereit. Wie ein echter Trainer will er erst einmal alles wissen. Trainingshistorie, Wochenumfang, Leistungsdaten. Idealerweise die Chronische Arbeitsbelastung oder einen Strava-Fitnesswert – sonst reichen auch die wöchentlichen Stunden.

Dann wird’s konkret: Wettkampf oder Selbstchallenge? Straße oder Trail? Flach oder alpin? Wie viele Kilometer? Wer will, lädt sogar den GPX-Track hoch. Dazu kommen Bestzeiten über zehn Kilometer oder Halbmarathon, Ruhepuls, Maximalpuls, Alter, Gewicht. Je mehr Input, desto präziser der Output. Am Ende bekommt das Ziel noch einen Namen und ein Datum – und Hugo legt los. Hinter der ganzen KI steckt bei HumanGO auch viel menschliches Know-how. Professionelle Trainer haben hier intensiv mitgearbeitet.

HumanGO: Viel Einstellarbeit, viel Flexibilität

Die App läuft auf Englisch, Deutsch gibt es in einer Beta-Version – die erstaunlich zuverlässig funktioniert. HumanGO verbindet sich mit Garmin, Suunto oder Wahoo zur direkten Steuerung, bei Polar werden nur abgeschlossene Einheiten synchronisiert. Auch Strava und Apple Health können gekoppelt werden.

Bevor der Plan steht, kann ich noch Feintuning betreiben: Longrun am Samstag oder Sonntag? Krafttraining fix am Mittwoch? Unter der Woche maximal 60 Minuten Zeit? Alles einstellbar. Dann meldet sich Hugo: Der Plan ist fertig.

Nach jeder Einheit gibt’s Feedback. Hugo analysiert, ob ich die Intensitäten getroffen habe, ob ich sauber im Zielbereich geblieben bin, und weist auf Abweichungen hin. Das ist detailliert und tatsächlich hilfreich. Ein menschlicher Coach kommentiert schließlich auch nicht jede einzelne Einheit. Und doch: Es fühlt sich anders an. Wenn ich ein Training sausen lasse, erklärt mir Hugo nüchtern, warum das suboptimal war. Aber es sticht nicht. Kein schlechtes Gewissen, kein leichtes Ziehen im Hinterkopf. Vielleicht angenehm – vielleicht auch ein Motivationsminus.

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Bild mit ChatGPD erstellt.

Sogar seinen Tonfall darf ich wählen – „motivierend“, „neutral“ oder „militärisch“. Letzteres ist tatsächlich erstaunlich direkt. Ich bleibe bei neutral. Motivationssprüche aus dem Algorithmus fühlen sich für mich allerdings etwas gewöhnungsbedürftig an.

Du willst Änderungen? Einfach per Chat. Meist klappt das gut, manchmal reden wir aneinander vorbei. Ein geplantes Radtraining in eine Laufeinheit zu tauschen, ist zum Beispiel (noch) nicht möglich. Und nicht immer versteht Hugo, was ich wirklich will. Dann interpretiert er Müdigkeit hinein, obwohl ich nur umplanen möchte. Also manuell verschieben, neu berechnen lassen – Problem gelöst. Unkompliziert ist es trotzdem.

Trainieren mit Hugo und Algorithmus

Der Trainingsplan selbst ist überraschend abwechslungsreich. Viele kürzere Intervalle, gezielt gesetzt. Ausgerechnet meine Schwäche. Offenbar erkennt die KI ziemlich genau, wo es hapert – und setzt dort an. Das funktioniert. Ich merke, dass ich stärker werde.

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Ein echter Pluspunkt ist die Flexibilität. Terminchaos? Einheit verschieben, Plan neu berechnen lassen, fertig. Kein Anruf, keine Abstimmung, keine langen Erklärungen. In dieser Hinsicht ist die KI einem Menschen klar überlegen. Was sie nicht kann: komplexe, offene Fragen beantworten. Wie passe ich mein Training an Hitze an? Da bleibt Hugo leider vage. Hier fehlt das Erfahrungswissen eines Trainers, der nicht nur Daten liest, sondern Zusammenhänge spürt.

Struktur ja, Emotion nein

Die Planstruktur ist schlüssig, die Fortschrittsanzeige übersichtlich. Es gibt Prognosen, wie realistisch mein Ziel ist, und eine klare Darstellung meiner Fitnessentwicklung. Das motiviert. Und unterm Strich: Ich werde besser. Was mir fehlt, ist das Zwischenmenschliche. Kein echtes Lob nach einer starken Woche. Kein aufmunternder Satz, wenn’s zäh läuft. Keine spontane Anpassung, weil der Coach zwischen den Zeilen merkt, dass gerade mehr im Leben los ist als nur Training. Die KI liefert Daten, Struktur, Logik. Aber keine Empathie.

Preislich ist das Ganze allerdings hochattraktiv: Vom kostenlosen Basiszugang ohne Trainingsplan über „Endurance“ (17 Dollar) bis zu „Premium“ (29 Dollar). Für mein Ultra-Projekt reicht das „Endurance“-Abo – umgerechnet rund 16 Euro im Monat. Für einen individuell berechneten Trainingsplan ist das günstig.

Zwischenbilanz HumanGO

Das Training mit Hugo war bisher spannend. Die Pläne funktionieren, die Anpassungen gehen schnell, die Struktur passt. Für alle, die flexibel bleiben wollen und gerne datenbasiert trainieren, ist ein KI-Coach eine ernstzunehmende Option. Aber: Wer Motivation, Zwischenmenschlichkeit und echtes Coaching-Feeling sucht, wird merken, dass Algorithmen (noch) keine Emotionen können. Hugo ist effizient, logisch, manchmal ein wenig stur. Ein guter Trainingsmanager. Aber kein Mensch.

Ich werde aber weiterhin mit Hugo trainieren, denn ich bin mir sicher, auch er wird besser werden.

2 Kommentare

  1. Hi,
    ich bin gerade auf der Suche nach einem “neuen” AI Coach und der Artikel stimmt mich positiv.
    Was mich jedoch interessieren würde, als Europäer und Österreicher 😉 wie es denn mit GDPR/DSGVO aussieht, wie weit hast du da Informationen von Humango bekommen.

    Danke

    • Hallo Herbert
      Eine gute Frage, aber nach dem es auch in Österreich nutzbar ist, gehe ich davon aus, dass Humango auch alle Gesetze einhält. Aber genau kann ich es dir nicht sagen, da hab ich ehrlich gesagt nicht nachgefragt. Was ich ja bei Garmin, TrainingPeaks, Strava, Suunto und Co auch nicht machen. Da gilt für mich das gleiche, wenn es in Österreich nutzbar ist, gehe ich davon aus, dass es datenschutzkonform ist.
      Gruß Harald

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